Rede zur Debatte um die Organspende

Für Betroffene, die ein Spenderorgan benötigen, ist eine Änderung im deutschen Transplantationswesen eindeutig notwendig. Viele Menschen warten verzweifelt auf ein Spenderorgan und in vielen Fällen kann nicht rechtzeitig eine Transplantation durchgeführt werden. Wir diskutieren nun, wie eine Änderung und höhere Spenderzahlen erreicht werden kann. Hierbei sollten wir unter anderem einen Blick auf andere Länder und deren Maßnahmen zur Erhöhung der Organspendezahlen werfen. Was ist zielführend, was nicht.

Laut einer im Mai veröffentlichten Studie eines Meinungsforschungsinstituts sprechen sich fast die Hälfte der Befragten für die Widerspruchslösung aus. Die Notwendigkeit selbst einen Spenderausweis zu tragen, sehen sie dabei oft nicht. Als Träger eines Organspendeausweises kann ich nicht nachvollziehen, dass diese Menschen die Organspende zwar grundsätzlich befürworten, sich aber nicht direkt mit der Möglichkeit einer Spende beim eigenen Ableben auseinandersetzen wollen.

Auch im Ausland stellt die Widerspruchslösung oft kein Allheilmittel gegen zu geringe Organspendezahlen dar. Vielmehr lassen sich oft keine Unterschiede in den Spenderzahlen feststellen – ob nun  in Ländern mit Widerspruchs- oder Zustimmungslösung.

Den Unterschied machen die Strukturen. Gut ausgebildetes Fachpersonal, Transplantationsbeauftragte, die sich auch auf diese Aufgabe konzentrieren können und ein weitreichendes Vertrauen der Bevölkerung in das Transplantationswesen bewirken den Anstieg. Das im Bereich der Organspende viel genannte und sozusagen Vorzeigeland Spanien ist zwar rein rechtlich durch die Widerspruchslösung geregelt, in der Realität kommt diese jedoch so nicht zur Anwendung und es wird trotzdem nur bei Zustimmung transplantiert. Wie auch die Chefin der staatlichen Transplantationsorganisation Spaniens betont, liegen die Erfolgszahlen dort in der perfekten Organisation der Intensivstationen, aber auch im frühzeitigen Erkennen potentieller Spender. Solange in Deutschland nur jeder zehnte potentielle Spender erkannt wird, kommt es in den meisten Fällen gar nicht so weit zu prüfen, ob der Mensch zur Spende bereit gewesen wäre.

An den Strukturen haben auch wir hier in Deutschland angesetzt und haben das Transplantationsgesetz in diesem Jahr geändert. Dies wird zu höheren Spenderzahlen führen und diese Entwicklung sollte abgewartet werden. Zusätzlich zur Struktur und Organisation müssen wir nun jedoch auch zusätzlich an der Information und Aufklärung der Bevölkerung arbeiten. Jeden Menschen zum Organspender zu machen, der sich vielleicht einfach noch nicht entschieden hat, ist rechtlich nicht haltbar.

Wir dürfen auch nicht vergessen, dass es nicht reichen würde die Bürger drei Mal per Brief darüber in Kenntnis zu setzen, dass sie bei nicht abgegebenem Widerspruch zum Organspender würden. Dieser Plan von Bundesminister Spahn ist nicht sehr langfristig gedacht. Die Debatte um die Organspende ist derzeit in aller Munde – was jedoch ist in einem Jahr, in fünf oder gar zehn? Kinder und Jugendliche von heute werden sich nicht so intensiv mit der Thematik befasst haben, wenn die mediale Aufmerksamkeit abgeflaut ist. Daher gilt es nicht die Freiwilligkeit durch die Widerspruchslösung auszuhebeln, sondern durch kontinuierliche Aufklärung und Information die Bereitschaft zur Organspende zu stärken und den Menschen die Selbstbestimmung und Freiwilligkeit zu erhalten.

Rechtlich gilt das Prinzip der Erforderlichkeit – sollte ein milderes, weniger belastendes Mittel, das den Zweck ebenso gut zu fördern mag, zur Verfügung stehen, sollte dies und kein anderes gewählt werden. Die Entscheidungslösung kann, wenn sie durch die richtigen strukturellen Maßnahmen begleitet wird, zu höheren Organspendequoten führen, ohne dabei aber in Selbstbestimmung und Freiwilligkeit einzugreifen. Deshalb bitte ich Sie, unseren Entwurf einer erweiterten Zustimmungslösung zu unterstützen.